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Geduld, Geduld, Geduld….warum ist es manchmal so schwierig, geduldig zu sein?

Geduldig zu sein kann eine ganz schöne Herausforderung sein! Gerade letzte Woche habe ich das wieder einmal am eigenen Sein gespürt. Der dreijährige Sohn von Freunden wollte ein Puzzle machen, gerne mit mir zusammen. Ich puzzle sehr gerne. Irgendwie hat das etwas Beruhigendes, dieses konzentrierte Teil-an-Teil-setzen. Und am Ende kann man im Idealfall das fertig zusammen gesetzte Bild bewundern.

Der Dreijährige breitete also die einzelnen Teile des 20-Teile Puzzles aus. Er legte sich die Bildunterlage zurecht, auf der er jedes Puzzleteil anordnen würde. Dann begann er ein paar Teile auf die Vorlage zu legen. Bisher passte noch kein Teil an ein anderes, es lagen hier und da einzelne Teile auf der Bildvorlage. Bis dahin konnte ich mitfühlend und bewundernd zuschauen und kommentieren: „Ah ja, das passt dort hin, da ist auch das Rad drauf. Ja, das sehe ich auch.“ Wir freuten uns gemeinsam – er: ein Puzzle-Anfänger und ganz fasziniert von seinem Tun, ich: ein alter, routinierter Puzzle-Hase.

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Dann nahm er ein Teil in die Hand, das er an ein anderes stecken konnte. Das sah ich, und er sah es auch. Er probierte aus, drehte mal das eine, dann das andere Teil, legte ein Teil verkehrt herum neben das andere und widmete sich einem anderen Puzzleteil. Meine Hand begann zu zucken. Ich alter Puzzle-Hase konnte es kaum ertragen, die Teile so nebeneinander liegen zu sehen, ohne sie ineinander zu stecken. Der Dreijährige hingegen hatte keine Eile. Ihn störte es überhaupt nicht, dass wir „nicht weiterkamen“. Er nahm wieder eins der beiden fast-zusammengesteckt-Teile und probierte erneut. Er erkannte, dass die beiden Teile vom Bildausschnitt her zusammen gehörten. Er plapperte vor sich hin und legte beide Teile wieder aus der Hand. Ach herrje, wie ich mich zurück halten musste. Es hätte nur ein Sekündchen gedauert, ein kleiner Handgriff, und die beiden Teile hätten ordnungsgemäß von mir zusammengesteckt an passender Stelle gelegen. Aber worum ging es hier eigentlich?  Ging es hier um mich? Um meine Ideen? Um mein Ziel? Um Schnelligkeit? Um das Fertigstellen?

Zum Glück konnte ich mich selber in dieser Situation ganz gut reflektieren und meine Hände bei mir behalten. Der Dreijährige hatte keine Eile. Zumindest hatte er ein anderes Tempo als ich. Vielleicht sogar ein anderes Ziel. Vielleicht war sein Ziel nicht unbedingt, das Puzzle komplett fertig zu stellen. Offensichtlich hatte er, dem das Puzzlen noch recht neu war, Freude daran, immer wieder die einzelnen Teile zu betrachten, in den Händen zu fühlen, sie zu drehen und zu wenden. Er hatte Spaß daran zu erkennen, dass die einzelnen Teile Ausschnitte der Vorlage sind, und es schien ihn zu faszinieren, wenn er ein identisches Teil auf die Vorlage gelegt hatte. Er hatte definitiv keine Eile. Warum auch? Freude braucht Zeit. Und gemeinsame Freude braucht noch mehr Zeit, schließlich schaut man sich dabei in die Augen, um diese strahlen zu sehen, und auf den Mund, der zum Lächeln geformt ist. Spürt das Herz des anderen, das durch die Augen leuchtet. Der Dreijährige starrte nicht auf`s Puzzle, um möglichst zügig Teil an Teil zu basteln, damit er am Ende das Gesamtkunstwerk bewundern kann. Sein Ziel war der Weg.

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Ich war sehr froh, dass dieser kleine Mensch mir mal wieder gezeigt hat, wie schön es ist das Leben aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Ich war auch sehr froh darüber, dass ich mich darauf einlassen konnte. Ich konnte innehalten und wahrnehmen, dass wir beide unterschiedliche Ziele verfolgten. Ich hatte Geduld genug, um mich auf seinen Weg einzulassen, der so entspannt und so wenig getrieben war von was auch immer. Irgendwann sagte er: „So, und jetzt du ein Teil.“ In aller Ruhe suchte ich aus, welches Teil ich wohin stecken wollte. Das primäre Ziel war nicht mehr, das Puzzle in Windeseile fertig zusammenzustecken. Wir genossen den Moment und das Miteinandersein. Ohne Eile. Ohne Ziel. Einfach die Freude am Tun.

Am Ende hatten wir das ganze Puzzle zusammen gesteckt. Der Dreijährige betrachtete das Werk, schob es dann beiseite und begann sich mit etwas Anderem zu beschäftigen.

 

 

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