Allgemein · Babys 6 - 12 Monate · bewegungsentwicklung · emmi pikler

Wie kann ich mein Baby beim Laufen-Lernen unterstützen?

Es erstaunt mich sehr, wie weit verbreitet der Irrglaube ist, wir müssten unseren Kindern das Laufen beibringen. Viele Eltern meinen, ihrem Kind etwas Gutes zu tun, wenn sie es aufrichten und an den Händen führen. Ich beobachte das häufig – draußen im Park oder auf dem Spielplatz, aber auch in Spielgruppen. „Mein Kind fordert das ein!“, sagen die Eltern. Und : „Ich möchte, dass er früh das Laufen übt, um eine gute Grundlage zu haben.“

IMG_6886Was wir bei genauem Hinsehen beobachten können ist folgendes: das – sagen wir mal – 10 bis 11 Monate junge Baby zieht sich an den Beinen der Mutter oder des Vaters hoch, bekommt eine Hand gereicht, um sich weiter aufzurichten und beginnt, kleine tapsende Schritte zu machen. Die Mutter interpretiert, dass ihr Kind laufen möchte, stellt sich daraufhin hin, nimmt auch die andere Hand ihres Kindes und „läuft es“ durch den Raum. Fordert das Kind dies wirklich ein? Ist es das, was das Baby natürlicherweise erwarten würde? Wenn ich mir die Füße und den Körper des Babys anschaue, sehe ich, dass es sich nicht wirklich aufrecht halten kann. Zwei erwachsene helfende Hände halten den Baby-Körper aufrecht. Der Körper des Baby „wabert“ regelrecht hin und her, schwankt mal nach rechts, mal nach links, der Oberkörper zur einen, der Unterkörper zur anderen Seite. Sein Gleichgewicht kann das Baby keinesfalls alleine halten. Was die Füße tun, ist zwar ein Voreinandersetzen, aber der ganze Prozess hat mit wirklichem Laufen nichts zu tun. Was ich sehe, ist ein Kind, dass sich an zwei Händen festhält und so durch den Raum gehangelt wird. Möglicherweise lächelt oder lacht das Baby, und es kann so scheinen, als würde das Baby Spaß haben. Das Laufenlernen bzw. den Prozess vom Krabbeln zum freien Laufen unterstützen wir damit nicht. Genau genommen behindern wir dadurch den natürlichen Prozess des Laufenlernens.

Was sollte ich also tun, um meinem Kind das Laufenlernen zu erleichtern?

Am besten: nichts! Kinder haben ein unglaubliches Repertoire an Bewegungen und Positionen, die sie vorbereitend durchlaufen, bis das freie Laufen schließlich „dran“ ist. Zunächst krabbelt ein Baby, sitzt und kniet. Mal sehen, wie viele Entwicklungsschritte ein Krabbelkind erlebt, bevor es alleine läuft:

1. Vom Knien aus hebt es irgendwann den Oberkörper. Um sein Gleichgewicht zu halten muss es den Körperschwerpunkt etwas weiter nach oben verlagern. Das allein ist schon eine enorme Leistung und wird vom Kind ausgiebig einstudiert, bis das aufrechte Knien nicht mehr kippelig ist.

2. Dann zieht sich das Kind vielleicht an einem Tisch zum Stehen hoch. Wieder tariert das Kind sein Gleichgewicht aus – von ganz alleine, ganz natürlich und intuitiv. Wir müssen nichts tun. Nur daneben sitzen, staunen und uns freuen.

3. Hierbei finden die Füße nach und nach eine Position, in der das Stehen gut gelingt.  Kind lernt also intuitiv zu Stehen. Anfangs steht das Kind vielleicht auf den Zehenspitzen oder die Füße sind leicht verdreht oder es steht eher auf den Außenkanten der Füße…. Es wird jedenfalls viel experimentieren, die Füße und Zehen werden viel in Bewegung sein, bis das Kind mit beiden Füßen fest und sicher auf dem Boden steht.

4. Wenn die Füße nach ein paar Tagen oder Wochen des Übens ihre optimale Stehposition gefunden haben, werden zunächst Seitwärtsschritte gemacht. Beim Seitwärtsgehen muss das Kind sein Gleichgewicht weniger verlagern als bei Vorwärtsschritten. Kinder gehen in der Regel zunächst Schritte zur Seite, bevor sie vorwärts laufen.

5. Dann lässt das Kind vielleicht das Möbelstück, an dem es bisher entlang gewandert ist, mit einer Hand los, um eine Spielsache vom Boden aufzuheben. Wow, was für eine Leistung! Da ist schon wieder ordentlich Gleichgewicht-Halten involviert beim in-die-Knie-gehen und wieder-Aufrichten!

6. Irgendwann, wenn das Kind innerlich bereit dafür ist, lässt es beide Hände los und geht einen Schritt oder zwei  – bis es auf den Po fällt. Das wird viele Hundert Male passieren und erstaunlicherweise vom Kind nicht als scheitern gesehen. Für das Kind ist es ganz normal zu Fallen und wieder aufzustehen.

7. Dem wirklich freien Gehen kommen wir nun nach mindestens 6 Zwischenschritten näher (mindestens! Denn was ich hier beschrieben habe, ist ein Zeitraffer – es gehören noch etliche weitere kleine Bewegungsentwicklungsschritte dazu, die ich an dieser Stelle nicht alle auflisten möchte, die du aber wunderbar in Emmi Piklers „Lasst mir Zeit“ nachlesen kannst.). Wenn das Baby im Raum aufsteht, ohne sich an etwas festzuhalten, und Schritte geht, erst dann sprechen wir vom freien Laufen.

Wenn ich nun also wie anfangs beschrieben mein Baby verfrüht an den Händen durch den Raum laufe, nehme ich etwas vorweg, das für das Kind so noch nicht dran ist. Ich greife also von außen in die natürliche Bewegungsentwicklung ein. Das stört letztlich diesen wunderbaren Prozess, den Kinder – vorausgesetzt sie sind grundsätzlich gesund – in ihrem „inneren Bauplan“ haben. Und das ist doch schade, oder?

Emmi Pikler schrieb dazu: Warum lassen wir den Säugling sich nicht seinen eigenen Gesetzen gemäß entwickeln? Ist es nicht sonderbar, dass es ständig etwas anderes tun muss als was ihm behagt? Übt er Bewegungen in Rückenlage, drehen wir ihn auf den Bauch. Bewegt er sich auf dem Bauch, setzen oder stellen wir ihn auf. Steht er, so führen wir ihn an den Händen, damit er gehen lernt. Später sind wir dann verzweifelt, dass er schlecht sitzt, steht, geht. Dann versuchen wir das Kind durch orthopädisches Turnen dazu zu bringen, all das in Form von Turnübungen zu wiederholen, was zu üben wir seinerzeit verhindert haben.“

Müssen wir viel hierzu beitragen? Eigentlich nicht. Natürlich müssen wir darauf achten, dass der Raum, in dem sich das Kind bewegt, sicher ist, dass keine Unfälle passieren können. Der Boden sollte nicht zu rutschig sein. Zum Laufenlernen ist das Barfußsein natürlich optimal, weil das Kind seine Füße und Zehen am besten spüren kann. Wenn das Kind wegen herbstlicher Temperaturen aber nicht barfuß sein kann, sollte ich auf geeignete rutschfeste Socken oder weiche Lederschlappen achten. Und dann fehlt nur noch: das präsente Dasein als stolzes und liebendes Elternteil: setze dich zu deinem Kind, genieße dein Baby, bestaune, was es tut und kann – ganz natürlich und ohne viel Zutun von außen ❤

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