Allgemein · Babys 0 - 6 Monate · Babys 6 - 12 Monate · Kindergarten-Alter · Kleinkinder 1 - 2 Jahre · Wertschätzendes Miteinander

Wie der Satz „Alles gut!“ auf Kinder wirkt…

Es passiert täglich mehrere Male, dass einem kleinen Kind etwas Unerwartetes widerfährt: Das Liege-Baby, das sich vom Rücken auf den Bauch dreht hält seinen Kopf vielleicht noch nicht ganz stabil, so dass er unsanft auf dem Boden aufkommt und das Baby zu weinen beginnt. Das Krabbelkind, das sich aufzusetzen versucht, kippt zur Seite um und weint. Das Kind, das gerade gelernt hat im Laufen sein Gleichgewicht zu halten stolpert über eine Spielsache und fällt hin. Es weint.

Nicht selten versuchen wir das Kind mit den Worten: „Alles gut. Nichts passiert.“ zu beruhigen.

Aus der Perspektive der Mutter oder des Vaters, des Tröstenden also, passen diese Worte zur Situation. Im ersten Moment bekommen wir als Erwachsene einen Schreck. Unserem wertvollsten Gut, dem geliebten Kind, ist etwas zugestoßen. Es hat sich weh getan, ist unglücklich, weint. Auf dieses Weinen reagieren wir als Mutter oder Vater mit großer emotionaler Anteilnahme. Und natürlich wollen wir uns versichern, dass nichts Schlimmes passiert und das Kind unversehrt ist. Also nehmen wir unser Kind auf den Arm, um es zu schützen und zu trösten. Wir stellen fest – es scheint alles gut zu sein. Es ist nichts Schlimmes passiert: Kein Unfall aus großer Höhe, kein Blut zu sehen, das Kind bewegt sich, es atmet usw. Unsere erwachsene Lebenserfahrung lässt uns also die Einschätzung vornehmen „Nichts passiert. Alles ist gut.“ Vielleicht sagen wir diesen wirklich häufig gebrauchten Satz „Alles gut.“ aus Erleichterung, er kommt fast automatisch über unsere Lippen.

Aber wie kommt der Satz bei meinem Kind an? Was bedeutet er für das Kind?

Stellen wir uns die Situation nochmal vor: das kleine Baby hat sich vom Rücken über die Seite auf den Bauch gedreht, und dabei ist sein Kopf unerwarteterweise unsanft auf dem Boden aufgekommen. Was für ein Schreck! Das hat sich nicht angenehm angefühlt. Das Baby ist viel schneller als gedacht und von ihm beabsichtigt auf den Bauch gerollt. Vielleicht hat es sich sogar ein bisschen am Kopf weh getan. Das Baby wird unsicher und beginnt zu weinen. Für das Baby ist in diesem Moment nicht alles gut. Der körperliche Schmerz mag gering sein. Der Schreck über die so plötzliche Lageveränderung , die es nicht erwartet hatte, löst möglicherweise das Weinen aus.

Und dann nehmen wir Erwachsenen also das Baby auf den Arm und sagen ihm es sei nichts passiert und alles sei gut! Unsere Worte stimmen mit dem emotionalen Empfinden des Babys doch gar nicht überein. Innen drin fühlt das Kind sich unsicher, vielleicht wurde durch den Schreck Adrenalin im Baby-Körper frei gesetzt, das kleinen Herzchen pocht schneller als im Ruhezustand…. und dann kommentiert die vertrauteste Bezugsperson das mit „Alles gut. Nichts passiert.“ Das stimmt einfach nicht. Etwas ist passiert im Leben des kleinen Menschen. Aus der erwachsenen Perspektive nichts Großes, kein Unfall. Aber wäre es nicht fair dem Baby gegenüber, das, was passiert ist für den kleinen Menschen in Worte zu fassen, damit die verbale Beschreibung zum inneren Empfinden des Babys passt? Warum sagen wir nicht: „Oh je, du bist schnell auf den Bauch gerollt und dabei unsanft mit dem Kopf auf dem Boden aufgekommen. Ich sehe, du bist erschrocken darüber und weinst.“ Dann nehmen wir das Baby auf den Arm, halten und trösten es, fühlen mit ihm. Wenn ich so reagiere stimmen meine Worte mit dem emotionalen Empfinden des Babys überein. Das Kind kann dadurch seine Gefühle besser einordnen lernen.

In meinen Spielgruppen erlebe ich fast jede Woche, dass ein Kind stolpert, von einem Klettergerät abrutscht oder sich plötzlich in einer körperlichen Lage wiederfindet, die es nicht bewusst eingenommen hat. Der knapp 2-jährige Max rutschte kürzlich vom Kletterdreieck ab und weinte lautstark. Er hat sich gut abgefangen, ist dennoch unsanft zu Boden gekommen. Ich schätze, es handelte sich um 90% Schreck und 10% körperlichen Schmerz. Ich setzte mich neben ihn, ließ ihm Zeit, sich aufzurappeln und wahrzunehmen, wo er sich befand und kommentierte sein Fallen: „Jetzt bist du vom Dreieck abgerutscht und auf den Boden gefallen.“ Er schaute mich an, nickte und weinte weiter. Ich zeigte auf die Sprossen des Dreiecks und auf den Boden und sagte: „Da oben hast du gestanden, und dann bist du hier auf den Boden gefallen.“ Er schaute auf die Sprossen, dann zum Boden, dann wieder zu mir. Wieder nickte er. Er hielt sich den Kopf. Ich sagte: „Und du hast dir den Kopf gestoßen?“ Er weinte lauter, als wolle er demonstrieren, dass er sich den Kopf dabei gestoßen habe. Derweil nahm ihn seine Mutter auf den Arm, um ihm vertraute Nähe und Geborgenheit zu schenken. Vom Arm aus schaute er mich weiter an, und ich wiederholte was passiert war. Auch seine Mutter fasste das Geschehen in Worte. Langsam wurde Max´Weinen weniger und verebbte. Nach einigen Minuten rutschte er an das Dreieck heran, sah mich an, zeigte auf die Sprosse und klopfte auf den Boden. „Ja“, sagte ich, „von da oben bist du runter gefallen auf den Boden.“

Sein inneres Empfinden hat durch vertraute erwachsene Menschen Worte bekommen, die zu seinem Gefühl passen. Das half ihm den Schrecken und den Schmerz einzuordnen und zu verarbeiten. Er wurde außerdem ernst genommen, seine Vertrauenspersonen haben sein Weinen ausgehalten und begleitet, ihm damit das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein mit seinem Schmerz. Vor allem hat er eine wahre und ehrliche Reaktion bekommen: in deinem kleinen Leben ist etwas passiert, ich nehme es ernst, fasse es für dich in Worte und begleite dich beim verarbeiten dessen.

 

Advertisements

2 Kommentare zu „Wie der Satz „Alles gut!“ auf Kinder wirkt…

  1. Tolle Art und Weise, mit einem Kind zu kommunizieren, wenn es sich weh getan hat. Ich finde auch, dass „alles Gut“ ein Kind nicht ernst nimmt, wenn es sich weh getan hat. Danke für diesen anschaulichen Bericht.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s